Der Voyeurismus und die Malerei : Lehrers Liebling
Voyeurismus – das lustvolle und distanzierte Beobachten intimer oder privater Momente – ist nicht nur eine spezielle Form der Erotik, sondern eine der tiefsten Triebkräfte der Malerei.
Der Maler ist von Berufs wegen Voyeur: Er schaut, ohne gesehen zu werden, er dringt in persönliche Momente, verborgene Räume und unbeobachtete Situationen ein und fixiert das Gesehene für immer auf seine Leinwand.
Während der normale Voyeur nur konsumiert, verwandelt der Maler das Verbotene in Kunst.
Er rechtfertigt seinen begehrlichen Blick auf das Intime durch Ästhetik. Deshalb wirken so viele große Maler – von Degas mit seinen heimlich beobachteten Badenden und Tänzerinnen über Henri de Toulouse-Lautrec und Balthus bis hin zu Hopper – wie professionelle Voyeuristen. Sie zelebrieren genau jene Grenzüberschreitung, die die Gesellschaft sonst bestraft: das geheime, begehrliche Schauen.
Der Maler ist der legitimierte Voyeur der Gesellschaft. Er darf das tun, wofür andere verurteilt werden – und sein Ziel ist es, daraus Schönheit zu erschaffen.
Um das voyeuristische Begehren der Kunstsammler zu befriedigen, bedarf es des erotisierenden Blicks des Malers auf das Subjekt in seinen privatesten Momenten.
Und ich war, und bin, einer dieser Maler. Man möge es mir verzeihen . . .

